Facebook, Google Earth und das Damoklesschwert der organisierten Extremisten

Dezember 30, 2008 at 10:48 am Hinterlasse einen Kommentar

Als Damokles das Schwert des Herrschers Dionysios über seinem Kopf bemerkte, war es ihm unmöglich, den dargebotenen Luxus des vor ihm stehenden Festmahles zu genießen. Schließlich bat er darum, auf die Annehmlichkeiten (und die damit verbundene Bedrohung) verzichten zu dürfen. Damokles hatte seine Lektion erhalten, dass Reichtum und Erfolg keinen Schutz vor Gefahren bieten.

So oder so ähnlich dürfte es langsam aber sicher auch den neuen Marken-Popstars der 2.0 Welt Facebook und Google (nicht nur) in Deutschland gehen. Social Networks und Geodaten werden immer häufiger nicht mehr nur ausschließlich für gute Zwecke gebraucht, sondern bereits oft von Kriminellen (bspw. Pädophile) und extremen politischen Randgruppe in ihrer ursprünglichen Nutzenstiftung entfremdet – Propaganda und Zusammenrottung gegen einen gemeinsamen Feind ist ganz sicher nicht Teil des Geschäftsmodells gewesen. Der extreme rechte Flügel in Deutschland – Max hatte schon früher an dieser Stelle über die Autonomen Nationalisten eine vielgelesene Serie veröffentlicht – dokumentiert den Einfallsreichtum und die Bedrohung. Es ist sicherlich davon auszugehen, dass sie mittlerweile auch viel aktiver im Mitmach-Web als man ahnen mag. Plattformen gibt es ja mehr als genug:

2735401175_fcdcd0da03_b

Das Problem betrifft zunächst alle Web 2.0 Popstars: Auf youtube.com werden (Musik-)Videos mit politischen Parolen frei zugänglich veröffentlicht, auf StudiVZ werden politische Hetzschriften versandt und bei ebay.de kann ich tagesaktuell den Taschenkalender des nationalen Widerstandes 2009 für 6,50 Euro zzgl. Versandkosten kaufen. Jeder. Auch Kinder. Ich muss kotzen! Und es lässt meine Alarmglocken läuten, denn das geht so nicht weiter. Ach ja, wenn man die Damen und Herren der jeweiligen Plattformen anspricht, so leugnet man dort natürlich das Phänomen oder man solle austreten, wenn das Konzept nicht mehr passt. Ne Leute, Ihr habt da was Grundlegendes nicht verstanden. „The Conversation is the art of listening, learning and sharing.“ Bei der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck & Co. hört man noch nicht mal richtig zu.

Schade und danke übrigens … für die Vorlage. Diesen Kardinalfehler haben übrigens zwei andere globale Web 2.0 Protagonisten bereits begangen – die F.A.Z. hatte dies in einer Debatte aufgegriffen und könnte gerade nicht aktueller sein: 

„Der Nahost-Konflikt findet seine politisch-ideologische Fortsetzung in den beliebten Internetforen des Web 2.0. Das stellt an sich unpolitisch konzipierte soziale Netzwerke vor große Probleme, weil sie als Propaganda-Plattformen missbraucht werden. So findet man in Facebook-Gruppen Bilder von Hamas-Kämpfern, getöteten palästinensischen Babys oder Kindern, die mit Sprengstoffgürtel-Attrappen posieren. In kaum zu zählenden Kommentaren bekräftigen Nutzer aus der ganzen Welt, dass „wir alle Israel hassen“, dass das Land „ein terroristischer Staat“ sei, „das Krebsgeschwür im Nahen Osten, eine Krankheit, die wir zerstören müssen“. “ [via F.A.Z.]

Facebook kontrolliert zwar, löscht aber selten oder gar nicht. Google Earth verfolgt da eine eindeutigere Politik. Wer Israel bspw. mit Google Earth anfliegt, fand sich noch vor kurzem in einem Gewirr von roten Punkten wieder: Markierungen von arabischen Dörfern, die Israel im Krieg von 1948 angeblich oder tatsächlich zerstört hat – für den Laien nicht überprüfbar. Verlinkt wurde jeder rote Punkte mit der Seite palastineremembered.com. Inzwischen hat Google Earth die Links gelöscht.

Zurück nach Deutschland, meinem eigentlichen Fokus dieses Eintrags: Die Frankfurter Rundschau berichtete erst kürzlich von einem starken Anstieg um 30% auf fast 12.000 gemeldeter rechstradikaler Straftaten – dies ist in den letzten Jahren immer mehr und mehr geworden. Eine der leider prominentesten Straftaten der letzten Wochen ist sicherlich der furchtbare Anschlag auf den Passauer Polizeipräsidenten gewesen. Verachtenswert in meinen Augen. Ich vermute darüber hinaus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der erste Fall 100% via Social Web organisiert bekannt wird.

Facebook kennt das Thema bereits: Eine der größten rechten Fangruppen heißt „We respect you Hitler“ und hat derzeit 357 Mitglieder. Es gibt sogar eine ganze Gruppe mit 151 Mitgliedern, deren Zweck die Leugnung des Holocausts ist. Nur noch mal zur Erinnerung: Facebook ist das größte Freundesnetzwerk der Welt, die Seite hat nach eigenen Angaben mehr als 132 Millionen aktive Nutzer und steht auf Platz vier der weltweit am häufigsten besuchten Seiten. Botschaften verbreiten sich nach dem Schneeballsystem. Sobald jemand einer der Hass-Gruppen beitritt, werden all seine Freunde darüber informiert. Das heißt also auch, dass Zahlen wie 151 oder 357 Mitglieder keineswegs zu bagatellisieren sind, sondern jede einzelne Mitgliedschaft in diesen Gruppen exakt eine zu viel ist.

„Hätte es Facebook schon zu Zeiten von Hitlers Aufstieg gegeben, die Nazis hätten wohl davon Gebrauch gemacht“, sagt der australische Computerwissenschaftler Andre Oboler, der an einem Buch über „Antisemitismus 2.0“ arbeitet. „Die Top-Seiten im Netz sind Suchmaschinen oder Web 2.0-Seiten. Hier kann sich Hass verbreiten.“ [via F.A.Z.]

Wenn hier was passiert schlagen wieder alle kurz mit den Flügeln und regen sich darüber auf – das war es dann. Leute, mal ganz ehrlich: Alle machen die Augen auf und beweisen Arsch in der Hose. 2009 sollte nicht nur Worte wie Rezession, Wahlen und Mauerfalljubiläum kennen, sondern ich möchte gerne eine Haltung wie Rückgrat, Verzicht und Verantwortung von der GfdS zum Wort des Jahres gekürt wissen. Prost Neujahr Euch allen.

Entry filed under: Politik. Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , .

Nach Funky Crime kommt Funky Bread Today’s Tabbloid | PERSONAL NEWS FOR ME

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


vTOtheISSER @twitter.com

moxfredo @twitter.com

.Markiert@twitter.com

Feeds

Blog Stats

  • 44,552 hits

%d Bloggern gefällt das: